Lesen Sie den folgenden Text und die Aussagen 13–23. Welche der Aussagen sind richtig (R), falsch (F) oder gar nicht im Text enthalten (-)? Es gibt jeweils nur eine richtige Lösung. Markieren Sie Ihre Lösungen für die Aufgaben 13–23 auf dem Antwortbogen.
TULPEN
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Die Königin der Tulpen trug ihr Haupt hoch, so kamen die leuchtenden Farben noch besser zur Geltung: blau am Blütenboden, wo der schlanke Stiel ansetzte, nach oben übergehend in ein reines Weiß, aus dem blutrote Flammen zur Spitze hin zügelten. "Semper Augustus", "Allzeit erhaben" tauften die Züchter ihr Wunderwerk. Das Privileg, ein echtes Exemplar betrachten zu dürfen, war nur wenigen Zeitgenossen vergönnt.
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Von "Semper Augustus", der seltensten und teuersten Tulpensorte, zirkulierten in ganz Holland zeitweilig nur rund ein Dutzend Tulpenzwiebeln, und die waren unerschwinglich: 10 000 Gulden verlangten Händler zu Beginn des Jahres 1637 für Exemplar, eine Summe, mit der sich mühelos ein großes Stadthaus an einer der vornehmsten Grachten Amsterdams erwarben ließ.
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Es war der Höhepunkt des "Großen Tulpenwahns", jener Manie, die als frühe und exemplarische Spekulationsblase in die Wirtschaftsgeschichte eingehen sollte. Im Laufe einiger Monate hatten sich die Preise, zu denen die Tulpen in den Wirtshäusern gehandelt wurden, vervielfacht. "Edelleute, Kaufleute, Handwerker, Schiffer, Torfträger, Schornsteinfeger, Knechte, Mägde, Trödelweiber, alle waren von gleicher Sucht befallen", berichten die Annalen.
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Nicht Aktien oder Staatsanleihen, nicht Rinderhälften oder Eisenerz, nein: Blumen hatten die Begierde der Investoren in der damals dynamischsten Volkswirtschaft Europas geweckt. Ein hochsensibles und pflegeintensives Spekulationsobjekt: Es dauert fast so lang wie eine menschliche Schwangerschaft, bis aus einer im Herbst eingepflanzten unscheinbaren Zwiebel im Frühjahr eine blühende Tulpe erwächst. Und das Ergebnis war nur nicht immer vorhersehbar. Besonders begehrt waren mehrfarbige Tulpenblüten mit rotem bis dunkelviolettem Muster auf weißem oder gelbem Grund. Diese sehr seltenen Farbkombinationen ließen sich nur schwer nachzüchten. Meist brachten die Mutterzwiebeln nur einfarbige Brutzwiebeln hervor. Es konnte aber auch passieren, dass eine einfarbige Pflanze ihre Besitzer im Frühjahr mit geflammten, zweifarbigen Blütenblättern überraschte. Man verstand damals nicht, wie aus einfarbigen Tulpenzwiebeln plötzlich mehrfarbige Blüten entstehen konnten. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckte man, dass keine Erbanomalien, sondern das von Blattläusen übertragene Tulpenmosaikvirus dafür verantwortlich war. Vielleicht war es gerade diese Unberechenbarkeit, die die Sammelleidenschaft der Holländer besonders anspornte.
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ursprünglich eine Wildpflanze in den Hochtälern Zentralasiens, gelangte die Gartentulpe um die Mitte des 16. Jahrhunderts aus der Türkei nach Mittel- und Westeuropa. Die ersten wissenschaftlichen Arbeiten über Tulpen stammen vom Botaniker Carolus Clusius, dessen rege Tauschtätigkeit dazu beitrug, die Tulpen in Europa zu verbreiten. Clusius wurde 1593 an die Universität Leiden berufen.
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Es entstand eine Vielzahl von Sorten, und bald avancierte die Tulpen zur Modeblume der Reichen und Schönen. Sie verlieh den Gärten ihrer Besitzer eine Aura von Extravaganz und östlicher Exotik. Ein Statussymbol ganz nach dem Geschmack der Holländer, erlaubte sie doch aufstrebenden Bürgern und Kaufleuten, auf botanisch-bescheidene Art den eigenen Reichtum zur Schau zu stellen. Ein kleiner Kreis von findigen Züchtern befriedigte die anspruchsvolle Nachfrage mit immer neuen und prächtigeren Kreationen. Wer sich keine wirklichen Tulpen leisten konnte, ließ sie sich in Öl malen. Auch der große Maler Rembrandt verdiente einen Teil seines Vermögens mit dem Malen von Tulpengemälden.
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bald lockten die Gewinnaussichten Quereinsteiger und Abenteuer ins Geschäft. Die Tulpe wurde zum Synonym für leicht verdientes Geld. Die Tulpen-Profis lebten in Saus und Braus, für die Organisatoren der Auktionen fielen reichlich Provisionen ab. Solchen Verheißungen erlangen immer mehr Menschen. Sie vernachlässigten ihre gelernten Berufe und verdingten sich fortan in den Gärtnereien als Tulpenhändler oder legten ihren Besitz in Tulpen an.
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Der zunächst ungebrochene Boom schien ihnen recht zu geben und ließ letzte Zauderer als Ewiggestrige erscheinen. 1633 wurde in der Stadt Hoorn bereits ein Haus für drei Tulpenzwiebeln verkauft, in den drei Jahren darauf vervielfachten sich die Preise. Die Kostbaren Pflanzen wurde sogar selbst zur Währung. Die Anleger verkauften ihr Hab und Gut und verpfändeten ihre Häuser, in dem sicheren Glauben, dass es in dem Markt nur eine Richtung geben werde: nach oben.
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dabei fehlte es schon während des Aufschwungs nicht an Warnzeichen. In den Archiven sind mehrere Fälle von Anlegerbetrug belegt: Manche Händler drehten ihren Kunden als angeblich kostenbare Raritäten Tulpenzwiebeln an, die sich beim Aufblühen als Allerweltsgewächse entpuppten. Andere versuchten sich an Imitaten teurer Sorten oder versprachen extravagante Produkte wie Schwarze Tulpe-dabei war es schon biologisch unmöglich, rein schwarze Blütenblätter zu züchten.
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Von 1635 an dealten die Spekulanten mit Tulpen-Derivaten, es gab Anteilscheine auf Tulpenzwiebeln und handelbare Bezugsrechte. Es wurden ganzjährig Terminkontrakte abgeschlossen und Zwiebeln gehandelt, die noch in der Erde steckten. Schuldscheine und Schilder in den Beeten wiesen die künftigen Besitzer und das Datum des Bezugs aus.
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Floristen verkauften Tulpen, die sie nicht liefern konnten, an Käufer, die nie die Absicht hatten, diese Zwiebeln einzupflanzen. Manche Tulpen wechselten zehnmal pro Tag den Besitzer, ohne dass auch nur einer von ihnen die Zwiebel, geschweige denn die Blüte jemals zu Gesicht bekommen hätte. "Windhandel" nannten die Chronisten diese Phase des Booms, doch die Flaute blieb so langer aus, wie immer neues Kapital in den Spekulationskreislauf floss.
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Die Katastrophe nahm am ersten Dienstag des Monats Februar im Jahr 1637 ihren Lauf: Bei einer Auktion in Haarlern konnte der Auktionator die geforderten Preise nicht erzielen und musste Abschläge zugestehen. Diejenigen Investoren, die erst spät eingestiegen waren, fuhren nun plötzlich Verluste ein. Die Neuigkeit machte die Runde durch alle Schenken der Stadt und bald darauf durchs ganze Land. Immer mehr Besitzer von Tulpenzwiebeln wollten schnell verkaufen, die Preise fielen ins Bodenlose. Der durchschnittliche Tulpenanleger verzeichnete binnen Wochen ein Minus von 95 Prozent, die meisten Derivate waren plötzlich völlig wertlos geworden. Viele Anleger waren mit einem Schlag ruiniert. Auch Rembrandt zählte zu den vielen Menschen, die ihr ganzes Vermögen in dieser frühesten Finanzkrise der Geschichte verloren.
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Wie in vielen folgenden Finanzkrisen griff Obrigkeit ein, um das vollständige Chaos zu vermeiden. Die Städte bildeten Schlichtungskommissionen, die festlegten, dass alle offenen Verpflichtungen durch Zahlung von 3.5 Prozent des ursprünglichen Kaufpreises abgegolten werden konnten. Diese Regelung ging zu Lasten der Züchter und sollte dazu dienen, ein Übergreifen der Kreise auf andere Wirtschaftssektoren zu vermeiden.
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In diesem Ablauf war der Tulpenwahn typisch für viele krisenhafte Finanzzustände: Auf Phase der Insider, der Kenner und Liebhaber folgte der systematische Ausbau des gewinnträchtigen Sektors, dann das massenhafte Auftreten von Spekulanten mit undurchsichtigen Finanzprodukten und schließlich die Intervention der Ordnungshüter nach dem Crash.
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besonders in Zeiten der Rezession wird die Blase von 1637 immer wieder zum Vergleich herangezogen. Ein zeitgenössisches Bild über den Tulpenwahn war erläutert mit dem Satz: "Darstellung des seltsamen Jahres 1637, als der eine und der andere Narr den Plan ausheckte, ohne Fähigkeit reich und ohne Verstand weise werden".
Ihre Antworten
13:Viele Menschen konnten im 17. Jahrhundert die "Semper Augustus"-Tulpe in der Natur bewundern.
14:Die teuerste Tulpensorte war damals so viel wert ein Gebäude in einer guten Gegend.
15:Der Handel mit Tulpen zog Spekulanten aus allen Schichten an.
16:Die Holländer setzten bei der Züchtung ein, um besondere Farbmuster zu erzielen.
17:Der Wissenschaftler Clusius legte den Grundstein für die Tulpenzucht in den Niederlanden.
18:Wertvolle Tulpen wurden für die Bürgerschicht zum Zeichen von Wohlstand.
19:Die berühmten Rembrandt-Tulpen zeichnen sich durch ein besonderes Farbmuster aus.
20:Tulpen wurden bereits in frühen Hochkulturen als Währung eingesetzt.
21:Auf dem Höhepunkt des Tulpenwahns wurden Tulpen zum Objekt fragwürdiger Geschäfte.
22:Die Investition in Tulpen trieb viele Käufer in den Bankrott.
23:Die Hysterie um die Tulpe weist in mancher Hinsicht Parallelen zu modernen Finanzkrisen auf.
Welche der Überschriften a, b oder c trifft die Aussage des Textes am besten? Markieren Sie Ihre Lösung für die Aufgabe 24 auf dem Antwortbogen.