Lesen Sie den folgenden Text und die Aussagen 13–23. Welche der Aussagen sind richtig (R), falsch (F) oder gar nicht im Text enthalten (-)? Es gibt jeweils nur eine richtige Lösung. Markieren Sie Ihre Lösungen für die Aufgaben 13–23 auf dem Antwortbogen.
MEHRSPRACHIGKEIT
1
Andre spricht mit Je-gor Russisch, Je-gor mit Andre lieber Deutsch. Yukon war in den Ferien bei den Großeltern in Japan und hat seither Probleme mit dem R. Und der dreijährige Simon redet beim Früchtespiel laufend von "Apples" und "Birnens". Ein solches Spracheingewirr bereitet Pädagogen gewöhnlich Kopfzerbrechen. In der Kita Multi Lingual in Berlin-Charlottenburg ist es ausdrücklich erwünscht. "Wir freuen uns über jedes Kind, das nicht nur Deutsch spricht", sagt Dina Chubukova.
2
Die 32-jährige Kita-Geschäftsführerin stammt aus Russland, hat dort die deutsche Schule besucht und lebt mit ihrem kanadischen Lebensgefährten in Berlin. Russisch Englisch, Deutsch: In diesen Sprachen sollte sich auch ihre Tochter heimisch fühlen, zu Hause wie in der Kita. Doch das Paar fand keine trilinguale Einrichtung, Da beschloss die studierte Pädagogin, selbst eine Kita zu eröffnen. Fast vier Jahre ist das jetzt her. Seitdem hat Chubukova die Kita erweitert, und noch immer stehen auf der Warteliste mehr als 100 Namen.
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Mehrsprachigkeit liegt im Trend, nicht nur bei Eltern und Pädagogen, sondern auch unter Wissenschaftlern. Linguisten, Psychologen und Hirnforscher loten seit einiger Zeit den "kognitiven Nutzen" der Bilingualität aus. Wer polyglott ist, hat demnach nicht nur bessere Chancen im Job oder beim Eintauchen in fremde Kulturen. Er soll auch schneller im Kopf sein Selbst die Anfälligkeit für Alzheimer soll der Multilingualismus verringern.
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Laut EU soll jeder Bürger am Ende der Schullaufbahn drei Sprachen verstehen können. Bei Multi Lingual kommen die Kinder diesem Ziel schon vor der Einschulung näher. Als erfolgreichste Lernmethode gilt das sogenannte Immersionskonzept. Dabei bleibt jeder Erzieher bei einer Sprache, an der sich die Kinder orientieren. Am Ende der Kita Zeit sollen sie dann Deutsch und Englisch so gut beherrschen, dass sie der Schule in beiden Sprachen problemlos folgen können.
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Lange Zeit wusste man diesen Vorteil in Deutschland kaum zu schätzen. Tief verankert ist hier die Vorstellung, der Mensch könne nur eine Sprache richtig sprechen, Zwar beweisen Milliarden weltweit das Gegenteil. Doch in Deutschland sahen einflussreiche Germanisten die frühe Zweisprachigkeit lange als "nachteilig für das Kind an". Bis heute haftet der Bilingualität bei Kindern ein Makel an: Mal gilt sie als Produkt über ehrgeiziger Eltern (Englisch, Chinesisch), mal als Indiz für Integrationsprobleme (Türkisch). Nicht deutscher Herkunftssprache" heißt die Chiffre der Schulbürokratie. Und es ist nicht lange her, da erhielten Schulen Preise, wenn sie auf dem Pausenhof eine "Deutschpflicht" forderten.
6
Langsam aber ändert sich etwas. Man akzeptiert nicht nur zunehmend, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, sondern ebenso, dass die Migranten eine andere Sprache mitbringen. Auch das Bildungsniveau der Neudeutschen verändert sich: Viele sind besser qualifiziert, weltgewandter und selbstbewusster als die Gastarbeiter früherer Zeiten Zugleich zieht es immer mehr Deutsche in die Ferne - zum Schüleraustausch Studium oder wegen der Arbeit. Einige von ihnen kehren mit einem ausländischen Partner zurück so wie Johannes Ritter. Er lernte seine Frau Claudia beim Studium in den USA kennen. Sie stammt aus Kolumbien. Heute leben Untereinander spricht das Paar Englisch. Doch als Sohn Adrian auf die Welt kam, redete jeder mit dem Kind auch in der eigenen Muttersprache. "Sonst hätte sich Adrian nicht mit meinen Verwandten in Bogotá unterhalten können", ... sagt Claudia Ritter.
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In der Berliner MultiLingual-Kita gehören die Rittners zur typischen Klientel. Viele der Eltern haben im Ausland eine Vielfalt erlebt, die sie in Deutschland nicht missen möchten", sagt Dina Chubukova. Den Rittners gefällt das bunte Flair dort: dass ihr Sohn Freunde mit brasilianischen, italienischen und ukrainischen Wurzeln hat, und dass er den St. Patricks Day ebenso feiert wie Thanksgiving oder Chanukka.
8
Tatsächlich geht die Wissenschaft heute davon aus, dass der Mensch von Natur aus mehrsprachig ist. "Wer nur mit einer Sprache aufwächst, bleibt unter seinen Möglichkeiten", sagt Jürgen Meisel, der seit mehr als dreißig Jahren die Multilingualität erforscht. Dabei erfassen bilinguale Kinder nicht nur nahezu anstrengungslos zwei Sprachen parallel sie können beide Idiome auch früh unterscheiden. Zwar haben mehrsprachige Kinder in den einzelnen Idiomen im Schnitt ein etwas geringeres Vokabular als monoliguale Altersgenossen. Ansonsten jedoch lernen sie in derselben Zeit fast, doppelt so viel: trilinguale sogar das Dreifache. Früher als bislang gedacht verflüchtigt sich allerdings diese Kompetenz. dass Kind die Fähigkeit, die Laute einer Sprache perfekt zu formen, später sperrt sich die Grammatik, dann das Vokabular., Die ersten fünf bis sechs Lebensjahre dürften ideal zum natürlichen Sprachenlernen sein". Schätzt Harald Clahsen vom Research Institute für Multilingualismus der Universität Potsdam. Danach lässt sich ein Idiom nicht mehr spielend als Muttersprache lernen, sondern nur noch als Fremdsprache.
9
Mit mühevollem Vokabel-pauken muss auch das späte Sprachen-lernen nicht verbunden sein. Bilinguale Grundschulen belegen das jeden Tag. Hier unterrichten die Lehrer (meist) Englisch fast nebenbei in der Mathestunde, in Sachkunde oder Sport. Bei einem guten bilingualen Unterricht sind die Kinder nach vier Jahren in der Lage, dem Unterricht auf Englisch problemlos zu folgen und sich fließend auszudrücken. Wissenschaftliche Studien belegen, dass die Kinder den anfänglichen Rückstand im Vokabular im Laute der Jah meist aufholen, Am Ende der Grundschulzeit lesen und schreiben sie genauso gut Deutsch wie Gleichaltrige aus monolingualen Klassen.
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Beim Sprachenlernen scheinen sich unterschiedliche Idiome gegenseitig zu befruchten Für Deutschland hat dies erstmals die Desi-Studie gezeigt: Bilingual aufgewachsene Kinder erlernen eine dritte Sprache überdurchschnittlich gut. Die Lehrer kostet guter immer Sivers Unterricht allerdings eine große zusätzliche Anstrengung. Sie müssen beide Ausdrucksweisen perfekt beherrschen und wissen, wie man eine fremde Sprache beibringt, ohne deren Regeln zu erklären: Sie benötigen spezielles Lehrmaterial und genügend Lernzeit: Mindestens die Hälfte der Stunden sollte nicht auf Deutsch stattfinden. Denn auf die Schnelle lernt sich keine Sprache, egal, wann man damit anfängt. Und wer eine Sprache nicht perfekt sollte seine Kinder mit den eigenen Kenntnissen lieber verschonen.
11
So hält es auch Maria Simon, die ihr Kind jeden Morgen in die Kita Multi Lingua bringt. Sie hat wie ihr Mann viele Jahre im Ausland verbracht, kann Finnisch und Französisch und spricht bei ihrer Arbeit täglich Englisch. Zu Hause bleibt man dennoch beim Deutschen, auch wenn die dreijährige Tochter am Frühstückstisch plötzlich mit „Can i have the cheese" nach dem Käse fragt. Ist das Ausdruck von elterlichen Förderwahn und Optimierungsdenken? Maria Simon kennt die Vorbehalte gegenüber Eltern, die ihre Sprösslinge zweisprachig erziehen., Aber was spricht dagegen, wenn ein Kind die Chance hat, ohne Zwang eine andere Sprache zu lernen? fragt die 34-Jährige.
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Noch sind es die gängigen Prestigesprachen wie Englisch, Französisch oder Spanisch, die den Trend zur Mehrsprachigkeit tragen und die Dominanz des Deutschen im Bildungswesen allmählich verdrängen andere Sprachen gelten dagegen als problematisch - nicht ganz zu Unrecht. Türkische und arabische Einwandererkinder haben es im Schnitt tatsächlich schwerer in der Schule. Das Problem ist jedoch nicht ihre Muttersprache, sondern die mangelnde Sicherheit im Deutschen. Sie sind eben gerade nicht bilingual. Doch bei aller Bedeutung des Deutschen für Schule und Berufes wäre auf jeden Fall unklug, die sprachliche Mitgift der Migranten zu ignorieren.
Ihre Antworten
13:Ursprünglich gründetet Dina Chubukova die Kita, um Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen zu fördern.
14:Einige Wissenschaftler vermuten. Dass Mehrsprachigkeit sogar vor etlichen Erkrankungen schützen könnte.
15:Der Prozess des Spracherwerbs kann gestört werden, wenn die Umgebung besonders die Schule dem Kind eine Zweitsprache aufzwingt.
16:Mehrsprachigkeit wird von der Gesellschaft auch heute zum Teil noch kritisch beurteilt.
17:Die durch die Migration entstandene Mehrsprachigkeit beeinflusst auch die Entwicklung der deutschen Sprache.
18:Die optimale Phase für den natürlichen Spracherwerb ist länger als bislang geglaubt.
19:Verglichen mit einsprachigen ABC-Schützen verfügen mehrsprachige Schulkinder vorübergehend über einen geringeren Wortschatz in den jeweiligen Sprachen.
20:Die Befürchtung mehrsprachiger Unterricht würde die Deutschkenntnisse beeinträchtigen, wird von der Forschung nicht bestätigt.
21:Die Desi-Studie belegt, dass sich zweisprachige Kinder eine weitere Sprache auffallend mühelos aneignen.
22:Maria Simon steht frühkindlicher Sprachforderung eher kritisch gegenüber.
23:Europäische Fremdsprachen büßen zunehmend an Wertschätzung ein.
Welche der Überschriften a, b oder c trifft die Aussage des Textes am besten? Markieren Sie Ihre Lösung für die Aufgabe 24 auf dem Antwortbogen.