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C1 HOCHSCHULE — LESEVERSTEHEN TEIL 2

Immer auf dem Sprung: Moderne Arbeitsnomaden

Lesen Sie den folgenden Text. In welchem Textabsatz a–e finden Sie die Antworten auf die Fragen 7–12? Es gibt jeweils nur eine richtige Lösung. Jeder Absatz kann Antworten auf mehrere Fragen enthalten. Markieren Sie Ihre Lösungen für die Aufgaben 7–12 auf dem Antwortbogen.

In welchem Abschnitt ...

7 äußert sich die Autorin polemisch?
8 gibt die Autorin einen fremden Standpunkt wieder?
9 schildert die Autorin ihre persönlichen Eindrücke?
10 zeigt die Autorin Verwunderung?
11 wägt die Autorin Pro und Kontra ab?
12 stellt die Autorin eine Vermutung an?

IMMER AUF DEM SPRUNG: MODERNE ARBEITSNOMADEN

A
Heute Hamburg, morgen München, nächste Woche Zoll am See: Timo Antz ist ständig auf Achse. Ich treffe ihn in seiner Wohnung in Bonn, doch einen gemeinsamen Termin zu finden war nicht einfach. Sein Zeitplan ist dicht, und seit Jahren reist der selbständige IT-Berater von einem Ort zum nächsten, seine Einsätze in den Unternehmen seiner Kunden dauern mal ein paar Tage, mal ein paar Monate. Antz hat schon einige berufsbedingte Umzüge hinter sich, und oft steht seine Wohnung wochenlang leer. Dass er immer auf dem Sprung ist, es ihn jederzeit an einen anderen Ort verschlagen kann, spiegelt sich sogar in seiner Wohnungseinrichtung wider. Die Wände sind kahl, alles sieht ein wenig provisorisch aus und die Räume wirken fast, als wären sie unbewohnt. Die vielen Ortswechsel stören ihn nicht: Im Gegenteil. So lerne ich wenigstens was von der Welt kennen. Ein solches Lebensmodell ist heute keine Ausnahme mehr. Denn Mobilität spielt im Arbeitsleben mittlerweile eine so große Rolle, dass sich ihr die noch recht junge Disziplin der Mobilitätsforschung widmet. Diese betrachtet die Entwicklung von Mobilität und Verkehr in Wechselwirkung mit vielfältigen gesellschaftlichen Veränderungsprozessen und untersucht auch deren Auswirkungen auf Gesellschaft und Individuum.
B
Diese strahlen in viele Lebensbereiche hinein. Einerseits hat die oft als selbstverständlich betrachtete Flexibilität Vorteile, sowohl für den Einzelnen, der seinen Wunsch nach immer neuen Herausforderungen erfüllen kann, als auch für größere Unternehmen, die weltweit operieren und zahlreiche Niederlassungen haben. Für sie sind mobile, gut ausgebildete und möglichst ungebundene Arbeitnehmer Traumkandidaten. Andererseits ist deren Leben oft rastlos, hektisch und unbeständig. Vor allem für Paare und Familien sind ständig wechselnde Arbeitsorte belastend. Neue Freundschaften können dort nur schwer entstehen, und auch wenn man viele Kontakte gewinnt, bleiben die meisten oberflächlich. Eine der Kehrseiten der Mobilität ist es, dass es für den Einzelnen immer schwieriger wird, sich an einem Ort zu verwurzeln und dort wirklich eine Heimat zu finden. Und dies ist mit einer Gefahr verbunden, die nicht zu unterschätzen ist: Wer immer wieder seine Zelte abbricht und überall von Neuem anfangen muss, riskiert Orientierungslosigkeit und Identitätsverlust.
C
Dies bestätigt auch der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa, der einem breiteren Publikum vor allem als Entschleunigungskritiker bekannt geworden ist. Seiner Auffassung nach führen zu große Unverbindlichkeit und der Verlust eines festen Bezugspunktes zu Überforderung. Schließlich seien es die Menschen gewohnt, sich an einem bestimmten Ort fest niederzulassen. Heimatlosigkeit führe dagegen zu Entfremdung: Orte, an denen man nur kurz bleibt, sind schließlich nur locker mit der eigenen Identität und Lebensgeschichte verknüpft. Mobilitätskritiker weisen außerdem darauf hin, dass die eigene Biographie durch zu häufige Ortswechsel fragmentiert erscheint. Denn wenn man immer wieder neu anfängt, kann man sich schwer persönlich weiterentwickeln. Und so bringt die Mobilität einen Effekt hervor, der zunächst paradox erscheint und Erstaunen hervorruft: Gerade Mobilität, Bewegung also, kann bei der Einzelnen das Gefühl persönlichen Stillstands hervorrufen.
D
Es ist anzunehmen, dass die Auswirkungen, die ständige Ortswechsel haben können, in Zukunft noch genauer untersucht werden. Denn die heute so oft geforderte Mobilität stellt ein relativ neues Lebenskonzept dar. In der Vergangenheit verließen Menschen ihren Lebensmittelpunkt meist nur, wenn sie dazu gezwungen waren. Ungebunden und nicht sesshaft zu sein, war früher negativ konnotiert. Noch in den siebziger Jahren galt es als prekär, als Zeichen für einen niedrigen sozialen Status gar, wenn man sich nirgends fest niederließ. Und Handlungsreisende, die in billigen Hotels nächtigten und Abend für Abend in der Gaststätte essen mussten, riefen eher Mitleid als Neid hervor. Mittlerweile hat sich diese Sichtweise in ihr Gegenteil verkehrt: Wer immer am selben Ort bleibt, nicht bereit ist, für den Job überallhin zu ziehen und auch nie im Ausland gelebt hat, gilt als weniger leistungsfähig, wer sich frei über den Globus bewegt, dagegen als flexibler und ehrgeiziger Jetsetter.
E
Dabei stellt sich die Frage, ob wir uns damit von den Erfordernissen der Wirtschaft eine Lebensweise aufzwingen lassen, die uns auf die Dauer sogar unglücklich machen könnte. Immer mehr Firmen rüsten ihre Angestellten mit Notebooks aus und schicken sie mal in abgelegene Niederlassungen, mal in hektische Metropolen. Lemmingen ähnlich reihen diese sich in die Schar vielbeschäftigter Manager, Journalisten oder Berater ein, die von jeher ständig von einem Ort zum anderen hetzen, aus ihrem gehetzten Dasein ein Gefühl enormer Bedeutsamkeit beziehen und dabei viel Großspurigkeit zur Schau stellen, und der rastlose Jobnomade lässt sich womöglich von seiner eigenen Großartigkeit so sehr blenden, dass er seinen größten Wunsch gar nicht auszusprechen wagt: ein ruhiger Job und ein Häuschen im Grünen. Denn auch wenn sie ständig ihren Wohnort wechseln, sehnen sich viele eigentlich nur nach einem richtigen Zuhause.

Ihre Antworten

7: äußert sich die Autorin polemisch?
8: gibt die Autorin einen fremden Standpunkt wieder?
9: schildert die Autorin ihre persönlichen Eindrücke?
10: zeigt die Autorin Verwunderung?
11: wägt die Autorin Pro und Kontra ab?
12: stellt die Autorin eine Vermutung an?
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