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C1 HOCHSCHULE — LESEVERSTEHEN TEIL 2

Dann geh doch zu Fuß, Schatz

Lesen Sie den folgenden Text. In welchem Textabsatz a–e finden Sie die Antworten auf die Fragen 7–12? Es gibt jeweils nur eine richtige Lösung. Jeder Absatz kann Antworten auf mehrere Fragen enthalten. Markieren Sie Ihre Lösungen für die Aufgaben 7–12 auf dem Antwortbogen.

In welchem Abschnitt ...

0 vertritt der Autor die Position der Beifahrer? (Beispiel)
7 solidarisiert sich der Autor mit den Fahrern?
8 kritisiert der Autor die Forschungslage?
9 möchte der Autor auf einen Zwiespalt aufmerksam machen?
10 drückt der Autor Bewunderung aus?
11 spricht der Autor Empfehlungen aus?
12 wird der Autor persönlich?

Lesetext

A
Beifahrer können nervig sein. Aber sind sie auch gefährlich? Mal knallt ein mit einem Paar besetzter Mercedes gegen eine Garagenwand, mal stoppt die Polizei einen Raser, der als Grund für die Raserei einen heftigen Ehestreit im Auto angibt. Streit mit dem Beifahrer ist ein notorisches Motiv in den Berichten der Verkehrspolizei. Glücklicherweise kommt es nicht immer zu Unfällen. Der Zustand der Fußmatte des Beifahrers verrät manchmal etwas über das Ausmaß der Angst, exakt an der Stelle, wo der Beifahrer immer mitbremst. Die durchlöcherte Matte wäre ein geeignetes Logo für den Club der verängstigten Beifahrer, den es allerdings (noch) nicht gibt. Die Jahrestreffen wären erfüllt von Jammern und Wehklagen über rücksichtslose oder unbelehrbare Fahrer. Wird nicht jeder wohlgemeinte Hinweis auf ein Tempolimit vom Fahrer als Fundamentalkritik gewertet? Registriert er nicht jedes Zusammenzucken und antwortet mit Schimpftiraden? Angst um ihr Leben haben auch Leute, die es aushalten müssen, dass der befreundete Führerschein-Neuling zeigen will, was er draufhat.
B
Doch wir Fahrer haben gute Gründe, manchen Beifahrer zum Teufel zu wünschen. Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Muss meine liebe Gattin, die am Steuer selbst eine Schnarch-Tüte und Sonntagsfahrerin ist, ihr altes Autoritätsproblem ausgerechnet auf dem Beifahrersitz aufarbeiten? Und immer diese ätzenden Besserwisser-Sprüche, ausgerechnet von ihr: „Grüner wird's nicht, Schatz?" Oder: „Schönen Gruß vom Getriebe." Es stimmt ja, dass man manchmal etwas sportlich unterwegs ist – aber wo bleibt das Vertrauen? Und dieses theatralische Verkrampfen, wenn man mal etwas zügig durch die Kurve fährt. Für die einen ist die gemeinsame Autofahrt pures Vergnügen, für den anderen purer Stress. Verstehen Sie mich nicht falsch: Meine Frau und ich sind seit 16 Jahren verheiratet und im normalen Leben ein eingespieltes Team. Aber im Auto wird unsere Ehe auf harte Probe gestellt.
C
Die Beifahrerfrage ist bedauerlicherweise ein wenig beachtetes Thema der Verkehrssicherheit. Welche Folgen es für den Fahrer hat, wenn ein technisches Problem die Sicherheit beeinträchtigt, wird bis ins Kleinste untersucht. Doch was passiert, wenn der Nebenmann das Problem ist – hierbei handelt es sich weitgehend um Terra incognita der Verkehrspsychologie. Untersuchungen zur Rolle des Beifahrers in unserer Gesellschaft als Verkehrsteilnehmer sind rar und wenig aussagekräftig. Dabei werden in Blechkisten täglich Machtspiele vom Feinsten ausgetragen. Soziologen beschreiben das Auto als ein dynamisches soziales System auf Rädern, in dem die sozialen Beziehungen einen bedeutsamen Einfluss auf das Fahren haben können. Bernhard Schlag, Verkehrspsychologe an der TU Dresden, hat die psychologischen und soziologischen Aspekte des Zusammenspiels von Fahrer und Beifahrer untersucht.
D
Beifahrer, so das Ergebnis, können zur Verkehrssicherheit beitragen oder aber diese bedrohen. Darüber sollten wir einmal nachdenken. Ist nicht das schönste Beispiel für die ambivalente Wirkung, die ein Beifahrer erzielen kann, der Beifahrerschlaf? Wenn ich als Fahrer das Vertrauen meines Mitreisenden spüre, bin ich glücklich. Gleichzeitig wirkt die Gleichmäßigkeit des Atmens auch beruhigend auf mich. Möglicherweise kann dieser Effekt so stark sein, dass ich von dem Schlafenden angesteckt werde und selber einnicke. Und der Sekundenschlaf ist zu Recht gefürchtet: Nach Schätzungen des Deutschen Verkehrssicherheitsrats werden sehr viele Unfälle auf Autobahnen durch Sekundenschlaf verursacht. Anderes Beispiel: der Griff ins Lenkrad. Schlimmer kann der Beifahrer den Fahrer nicht bevormunden als durch eine spontane Lenkhilfe; zum Beispiel, wenn der Abstand zu einem parkenden Auto zu gering scheint. Und doch war es just eine solche Untat, die vor zwei Jahren einen Kollegen meines Vaters, „Jens Weinrich", zu meinem Helden machte. Weinrich war als Beifahrer mit meinem Vater unterwegs, als dieser plötzlich einen Schwächeanfall erlitt und das Bewusstsein verlor. Weinrich griff geistesgegenwärtig ins Lenkrad und steuerte mit mühevollen Verrenkungen das Auto sicher an den Straßenrand. Sein reaktionsschnelles Eingreifen verhinderte nicht nur ein Unglück, es zeigt auch, dass man tatsächlich nicht pauschal sagen kann, welches Beifahrerverhalten die Sicherheit fördert oder diese eher bedroht.
E
Dass sich das Verhalten eines Beifahrers so schwer vorhersehbar auf den Fahrer, seine Fahrweise und die Verkehrssicherheit auswirkt, liegt in der Psyche der Beteiligten. Erfordert jedoch die Verkehrssituation die volle Konzentration des Fahrers, so kommt es oft zu Aufmerksamkeitskonflikten. Norbert Bremer, Sozialpsychologe an der Universität Siegen, sagt: „Fühlt der Fahrer sich durch das Verhalten des Beifahrers dann noch in seinem Stolz gekränkt, führt das schnell zu Fehlreaktionen. Am gefährlichsten erscheint die sogenannte Reaktanz als Antwort auf die unerwünschte Einflussnahme durch den Beifahrer: recht rasen, schnelle Kurven fahren, überholen! Es geht schließlich ums Äußerste: die Einengung der Freiheit." Dem bibbernden Beifahrer kann man da nur mit auf den Weg geben: Nicht die Kompetenz des Fahrers infrage stellen! Den Fahrstil nicht kritisieren! Weder Angst noch Unbehagen zeigen. Streit vermeiden, stattdessen loben. Und weiterhin Löcher in die Fußmatte bremsen! Beifahrerangstseminare, so stelle ich erstaunt fest, gibt es im Gegensatz zu Flugangstseminaren noch nicht.

Ihre Antworten

7: solidarisiert sich der Autor mit den Fahrern?
8: kritisiert der Autor die Forschungslage?
9: möchte der Autor auf einen Zwiespalt aufmerksam machen?
10: drückt der Autor Bewunderung aus?
11: spricht der Autor Empfehlungen aus?
12: wird der Autor persönlich?
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