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C1 HOCHSCHULE — LESEVERSTEHEN TEIL 2

Akademisches Viertel

Lesen Sie den folgenden Text. In welchem Textabsatz a–e finden Sie die Antworten auf die Fragen 7–12? Es gibt jeweils nur eine richtige Lösung. Jeder Absatz kann Antworten auf mehrere Fragen enthalten. Markieren Sie Ihre Lösungen für die Aufgaben 7–12 auf dem Antwortbogen.

In welchem Abschnitt ...

7äußert sich die Autorin negativ über andere?
8fordert die Autorin die Leser zur Selbstreflektion auf?
9ist die Autorin nachsichtig mit sich selbst?
10liefert die Autorin eine Definition?
11spricht die Autorin eine Warnung aus?
12zeigt sich die Autorin verwundert?

AKADEMISCHES VIERTEL

A
Pünktlichkeit ist eine Tugend, der ein ähnliches Schicksal beschieden ist wie den Dinosaurier: Sie ist vom Aussterben bedroht. Vielen gilt Pünktlichkeit heute als Zeichen für Pedanterie und Verbohrtheit, als altmodisch, als unnötige Einschränkung der eigenen Freiheit. Aber ganz ehrlich, wie sieht es denn bei Ihnen aus? Warten Sie etwa gerne? Auch wer selbst ab und zu mal fünfe gerade sein lässt, wird doch nervös, wenn er wie bestellt und nicht abgeholt an irgendeiner Straßenecke herumlungert oder im Restaurant vom Kellner, der bereits den dritten Aperitif bringt, mitleidige Blicke erntet.

Ich jedenfalls könnte in solchen Situationen platzen: zuerst vor Wut und dann, weil ich vor lauter Frust wieder zu viel Schokolade oder Kuchen in mich hineingestopft habe. Oder den Ärger mit zucker- und sehr kalorienhaltigen Getränken heruntergespült habe, um die Wartezeit zu überbrücken.
B
Ich selbst gehöre ja zu den Überpünktlichen. Ich bin lieber fünf Minuten eher da, als gehetzt oder zu spätz kommen. Ich schaue mir die Fahrpläne der öffentlichen Verkehrsmittel an oder die Wege im Navi, bevor ich Termine vereinbare, Durch jahrelange Erfahrung habe ich gelernt, wie viel Wartezeit ich bei den jeweilige Freunden hinzuaddieren muss, Sicher, auf manche wirkt es gewiss schrullig oder gar kontrollsüchtig, auf ich alles so genau plane. Doch ich gestehe mir das zu, denn mir helfen meine empirischen Daten, mich auf das Warten einzustellen - was meine Nervosität lindert. Mir fehlt einfach die Gelassenheit, die man zum Warten braucht- niemand ist schließlich perfekt. Und gelassen sollte man unbedingt bleiben, wenn man warten muss: Sonst besteht die Gefahr, dass es einem die Laune verdirbt, man seinem Arger allzu deutlich Luft macht und man als Griesgram in Verruf gerät.
C
Eine bahnbrechende Lösung für das Problem der Unpünktlichkeit haben die Universitäten bereits vor mehr als 400 Jahren gefunden und das akademische Viertel eingeführt. Das bedeutet: Wenn hinter der Uhrzeit ein c. t. steht - für cum tempore, wörtlich übersetzt mit Zeit, dann beginnen die universitären Veranstaltungen üblicherweise 15 Minuten später. Stehen hinter der Uhrzeit die Buchstaben s. t. (sine tempore", also ohne Zeit"), beginnt die Sitzung wie angegeben. Dank des akademischen Viertels können sich die Studenten ihren persönlichen Pünktlichkeitsvorlieben entsprechend im Hörsaal einfinden. Bereits um Punkt 11 Uhr im Hörsaal sitzen vorzugsweise Seniorstudenten, Gasthörer, ausländische Studenten, die das akademische Viertel noch nicht kennen, und ich. Meine Freunde und der Großteil der anderen Teilnehmer trudeln kurz vor dem Ende der Viertelstunde gemächlich ein, nachdem sie noch genüsslich einen Kaffee getrunken haben.
D
Früher diente die akademische Viertelstunde als Zeit für den Ortswechsel. Bis ins 18. Jahrhundert hinein fanden Lehrveranstaltungen in Räumen statt, die über die Universitätsstadt verteilt waren. Wenn die Kirchturmuhr schlug, hatten die Studenten noch eine Viertelstunde Zeit, ihr Ziel zu erreichen. Außerdem nutzte man das akademische Viertel, um den Stoff in den ersten 15 Minuten der Veranstaltung zu rekapitulieren. Heute wird es eher genutzt, um den optimalen Platz in der letzten Reihe zu suchen oder ein kurzes Nickerchen zu machen. Mir dagegen dient es dazu, vereinzelt Menschen wie mich zu entdecken. Studenten, die geduldig eine Viertelstunde lang Sitzplätze für ihre Kommilitonen freihalten, sie tapfer gegen Gasthörer verteidigen und trotzdem nicht unglücklich sind, weil sie wissen: Länger als eine Viertelstunde müssen sie nicht warten. Und damit lässt es sich gut leben, denkt man einmal an die vielen Stunden, in denen man auf rücksichtslose Mitmenschen warten muss, die sich selbst jede Nachlässigkeit nachsehen und dabei noch aufführen, als wären sie die Coolness in Person. Nicht umsonst befand schon der Philosoph und Schriftsteller Gotthold Ephraim Lessing: .Bester Beweis einer guten Erziehung ist die Pünktlichkeit.*
E
Erstaunlich, dass eine so sinnvolle Einrichtung wie das akademische Viertel in angelsächsischen oder romanischen Ländern unbekannt ist. Kultiviert wurde es vor allem in den deutschsprachigen und skandinavischen Ländern, aber auch in der Schweiz oder Ungarn. Dass die Universitäten das akademische Viertel einführten, erweist sich heute jedenfalls noch aus einem anderen Grund als Segen. Und zwar wegen des morgendlichen Berufsverkehrs, des täglichen Verkehrschaos und der Unpünktlichkeit öffentlicher Verkehrsmittel. Das akademische Viertel wirkt da als geschickt einkalkulierter Puffer - auch wenn dessen Erfinder vor 400 Jahren das natürlich noch nicht vorhersehen konnten. Doch eines ist wohl gewiss: Seine Funktion lag darin, für Pünktlichkeit zu sorgen - und das ist mir ausgesprochen sympathisch.

Ihre Antworten

7:äußert sich die Autorin negativ über andere?
8:fordert die Autorin die Leser zur Selbstreflektion auf?
9:ist die Autorin nachsichtig mit sich selbst?
10:liefert die Autorin eine Definition?
11:spricht die Autorin eine Warnung aus?
12:zeigt sich die Autorin verwundert?
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