Lesen Sie den folgenden Text. In welchem Textabsatz a–e finden Sie die Antworten auf die Fragen 7–12? Es gibt jeweils nur eine richtige Lösung. Jeder Absatz kann Antworten auf mehrere Fragen enthalten. Markieren Sie Ihre Lösungen für die Aufgaben 7–12 auf dem Antwortbogen.
In welchem Abschnitt ...
7liefert der Autor eine Definition?
8schildert der Autor seine persönlichen Erfahrungen?
9spricht der Autor eine Warnung aus?
10stützt der Autor seine Argumentation durch Rückgriff auf eine Autorität?
11zeigt sich der Autor erstaunt?
12zieht der Autor einen Schluss?
WENN DER DOZENT ZEHN JAHRE JÜNGERE IST
A
In der alten Bildungswelt sah Unterricht so aus: Vorn am Pult stand eine allwissende Respektsperson die mindestens ein halbes Leben älter als man selbst war. Als Schüler hatte man dankbar und gehorsam zu lauschen. Das ist lange her. Aber noch heute finden sich Reste dieser strikten Bildungshierarchie in unseren Köpfen: hier der an Lebensjahren reiche Lehrer, dort der unerfahrene Schüler. In der Schule später an der Universität, prägt sich ein, was trotz aller diskursiven Unterrichtsformen beharrlich ist Frontalunterricht, Dozieren, Prüfungen. Selbst in modernen beruflichen Weiterbildungsseminaren sind die Rollenzuteilungen oft erstaunlich traditionell. Solange der Lehrende das klassische Bild des graumelierte Welterklärers erfüllt, akzeptieren wir das meist auch willig. Wehe aber, die Dozentin oder der Dozent ist wesentlich jünger als man selbst. Was soll einem ein solcher Grünschnabel denn erklären können? Da schon komisch wirken die langen Gesichter, die so mancher Lernwillige zieht, wenn statt der altersweise Koryphäe ein blutjunger Nachwuchsdozent an der Tafel steht. Wenn man darüber nachdenkt, fällt eine auf, wie anachronistisch so mancher Glaubenssatz über das Lernen, den man noch immer im Kopf b eigentlich ist.
B
So ähnlich erging es mir in einem Seminar an der Hamburg Media School, an der ich ein berufsbegleitendes Master-Weiterbildungsstudium absolvierte. Ein Blick in die Vita meines Dozenten, des Digitalstrategen Kevin Weyer, zeigte: Er ist ganze zehn Jahre jünger als ich selbst. Eigentlich ist es verwunderlich, fast schon befremdlich, wie sehr mich diese Tatsache beschäftigte: Plötzlich fühlte ich mich alt, obwohl ich bislang keine Probleme damit hatte, die 40 überschritten zu haben. Diese merkwürdigen Selbstzweifel versuchte ich mit dem Gedanken zu bekämpfen, dass es so oder ähnlich doch allen geht, die die Parole des lebenslangen Lernens ernst nehmen. Irgendwann sind Kommilitonen oder Seminarkollegen zehn oder 15 Jahre jünger als man selbst, und zunehmend auch die Dozenten.
C
Die Gründe dafür sind klar: Das Wissen ändert sich auf vielen Gebieten so schnell wie nie zuvor, es wird kleinteiliger und diverser - teilweise mit sehr kurzen Innovationszyklen. Die heute heiß gehandelte App kann morgen der neue App-Store-Hüter sein. Es ist eine Lebensaufgabe, dabei nicht den Anschluss zu verlieren. Während man früher oft davon ausging, nach der Ausbildung oder dem Studium genug Fertigkeiten für das ganze Berufsleben erworben zu haben, endet die Lernkurve mittlerweile erst mit dem Renteneintritt und so mancher alte Hase drückt wieder die Schulbank. Doch was kann man nun gegen dieses leichte Unbehagen tun, das man manchmal empfindet, wenn man von Jüngeren lernen soll? Muss man vielleicht einfach akzeptieren, dass die klassischen Rollenmuster des Lernens heute passé sind?
D
Kevin Weyer jedenfalls hat das verinnerlicht. Der heute 31-jährige Journalist lehrt schon, seit er 25 war. Ein Jahr nach Abschluss des Studiums gab er sein erstes Seminar, heute bringt er auch 50- und 60-Jährigen bei, wie man eine App entwirft. Einerseits unterrichtet er Themen, bei denen man sich ältere Dozenten nur schwerlich vorstellen kann: Als er begann, waren digitaler Journalismus und Social Media noch Neuland, wie geschaffen für Digital Natives. Damit sind Personen gemeint, die in der digitalen Welt aufgewachsen sind und sich den Zugang dazu nahezu intuitiv erschließen. Andererseits darf man sich durchaus die Frage stellen, ob sich fehlende Lehr- und auch Lebenserfahrung so leicht ersetzen lässt. Denn um erfolgreich Wissen zu vermitteln, braucht man schließlich mehr als die gerade besonders gefragten Spezialkenntnisse, nämlich soziale Kompetenzen und möglichst auch eine gefestigte Persönlichkeit. Man sollte allerdings vorsichtig sein, wenn man solche Fähigkeiten nur Älteren zuschreibt: Allzu leicht neigt man zu Vorurteilen, auch wenn man sich dessen nicht immer bewusst ist. Denn wer sagt eigentlich, dass junge Dozenten nicht über all diese Kompetenzen verfügen können? Und dass Alter automatisch weise macht?
E
Weyers Schüler scheinen jedenfalls keine Probleme damit zu haben, sich von einem Dozenten anleiten zu lassen, der teilweise nur halb so alt ist wie sie selbst. Monika Leerhammer ist mit 59 Jahren die Älteste in einem seiner Kurse. Den Jüngeren fällt der Umgang mit technischen Dingen doch oft viel leichter als den Älteren. Von denen kann man sich einiges abschauen", sagt die freiberufliche Journalistin. Weiterbildung sei ihr vor allem deshalb wichtig, damit sie nicht den Anschluss verliere. Solche Gedanken kennen heute allerdings schon 40-Jährige. In der heutigen Arbeitswelt ist der Druck groß: Lebenslanges Lernen kann auch Stress bedeuten, darauf weist auch der Bildungsforscher Andreas Dörpinghaus von der Universität Würzburg hin:, Die beständige Angst, abgehängt zu werden, zu veralten, nicht marktkonform zu sein, gehört zum lebenslangen Lernen schlichtweg dazu." Folgern kann man aus alldem also: Es mag noch immer eine ungewohnte Unterrichtssituation sein, wenn die Älteren von den Jüngeren lernen. Doch über besonders aktuelle Themen wissen oft diejenigen am besten Bescheid, die am Puls der Zeit sind: die Jüngeren also.
Ihre Antworten
7:liefert der Autor eine Definition?
8:schildert der Autor seine persönlichen Erfahrungen?
9:spricht der Autor eine Warnung aus?
10:stützt der Autor seine Argumentation durch Rückgriff auf eine Autorität?