⚠️ Inaktivität erkannt. Abmeldung in 30s

C1 HOCHSCHULE — LESEVERSTEHEN TEIL 2

Selbstverbesserung

Lesen Sie den folgenden Text. In welchem Textabsatz a–e finden Sie die Antworten auf die Fragen 7–12? Es gibt jeweils nur eine richtige Lösung. Jeder Absatz kann Antworten auf mehrere Fragen enthalten. Markieren Sie Ihre Lösungen für die Aufgaben 7–12 auf dem Antwortbogen.

In welchem Abschnitt ...

7 beschreibt der Autor einen Wandel?
8 bietet der Autor eine Definition an?
9 fordert die Autorin ein Umdenken?
10 karikiert die Autor ein Idealbild?
11 spricht der Autor argumentative Widersprüche an?
12 warnt der Autor vor negativen Konsequenzen?

SELBSTVERBESSERUNG

A
Denn Selbstoptimierung ist das erste Gebot der Zeit, der Wunsch nach ständiger Steigerung der Motor der Gegenwart. Von einer „Upgrade-Kultur" spricht der Soziologe Dierk Spreen, einer Geistesverfassung also, in der es ständig darum geht, das nächste Level zu erreichen, die nächste Version seiner selbst: Erst Ich 2.0, dann Ich 3.0, irgendwann Ich 4.7, Ende offen. Es gilt, schöner zu werden. Fitter, Schlanker, Schlagfertig, Konzentrierter, Achtsamer, Kreativer, Gelassener, Gesünder. Die Liste geht endlos weiter, es gibt keinen Bereich, in dem nicht mehr drin ist.
B
Es ist paradox: Die meisten Menschen träumen davon, so geliebt zu werden, wie sie sind. Und Eltern schwören sich an der Wiege ihres neugeborenen Babys, ihm zu vermitteln, dass es richtig und wunderbar und vollkommen ist, genau so, wie es eben auf die Welt gekommen ist. Doch das ist die Theorie. In der Praxis ist da ständig dieses mulmige Gefühl, dass es nicht reicht, einfach nur zu sein, wie man ist. Dass da noch mehr sein könnte. Denn verändert sich die Welt nicht ständig und rasant, braucht es nicht immer neue Fähigkeiten, immer mehr Ressourcen, um klarzukommen, mithalten zu können im Rennen um die besten Positionen? Schönheitschirurgen bieten ihre Dienste an. Fitnessarmbänder, Schrittzähler und Schlaftrunken helfen, Körperfunktionen zu optimieren. Die Regale mit Ratgeberliteratur in den Buchhandlungen bersten fast, versprechen mehr Erfolg, ein tolleres Leben, wenn man nur die richtige – also die jeweils angepriesene – Technik anwendet. Die gegenwärtige Optimierungsgesellschaft ist der Realität gewordene amerikanische Traum: Die Möglichkeiten sind unbegrenzt, jeder kann alles erreichen und alles sein, wenn er sich nur genug anstrengt. Das jedenfalls ist die Botschaft, die sich tief ins kollektive Unterbewusstsein gebohrt hat. „Ich werde an mir arbeiten, ich werde versuchen, besser zu werden, ich weiß, ich kann es schaffen" proklamieren Castingshow-Teilnehmer mantrahaft vor ihrem Publikum und hämmern auch dem Letzten ins Hirn: Es liegt allein an dir, was du aus dir machst, du hast es in der Hand.
C
Das ist Versprechen und Fluch zugleich. Denn die Schrauberei am eigenen Ich scheint oft zwar selbstgewählt zu sein, doch der Druck kommt auch von außen: In einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung 2015 beklagten sich 42 Prozent der Arbeitnehmer über permanent wachsende Anforderungen im Beruf. Jeder Dritte weiß schon nicht mehr, wie er den Ansprüchen gerecht werden soll. Geht es nach den Forderungen, die von verschiedenen Seiten auf einen einströmen, dann soll man einen Super-Job machen, einen, in dem man sich total verwirklichen kann. Soll sich aber auch ständig fortbilden, nur nicht auf der Stelle treten. Gleichzeitig soll man liebevoller Vater oder Mutter sein, mit möglichst mehr als einem Kind (der Demografie wegen), soll für die Kids immer ansprechbar sein, immer geduldig, sie fördern, wo es nur geht. Mindestens dreimal pro Woche soll man eine Stunde Sport treiben. Acht Stunden schlafen. Gesund essen, Selbstgekochtes, natürlich. Gepflegt aussehen, möglichst alterslos. Die Wohnung schick machen. Am besten noch täglich meditieren, sich ausreichend Zeit für sich selbst nehmen, Freunde nicht vernachlässigen und das Gehirn auch nicht. Und dann?
D
Die große Frage bleibt offen: Lohnt sich all die Arbeit, all die Mühe überhaupt? Wer garantiert eigentlich, dass irgendetwas besser wird, wenn man in irgendetwas besser wird? Gerät man nicht in ein ewiges Hamsterrad Selbststeigerung, in dem man sich am Ende selbst verliert? Und kann es wirklich der Sinn des Lebens sein, ständig irgendwelchen Ansprüchen – denen von anderen oder auch den eigenen – hinterherzurennen? „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben" – das ist ein Satz, den Palliativpfleger am Sterbebett alter Menschen häufig hören – kein schönes Fazit. Aber vielleicht nötiger Schubs für einen Aufstand, eine Verweigerung der Selbstoptimierung nach dem Motto: bleiben, wie man ist. Sich akzeptieren mit Schwächen und Macken, und sich dann um Wichtigeres kümmern als um die Pflege seines eigenen Ichs. Ums Leben nämlich.
E
Natürlich ist die Sache mit der Selbstoptimierung nicht ganz neu. Sie hat sich nur verändert – und das nicht unbedingt zum Guten. Schon die alten Griechen glaubten, der Mensch könne nur werden, was zu werden er bestimmt ist, wenn er sich darum bemüht, also an sich selbst arbeitet. Das Ziel war das gute, das bewusste Leben, und dazu galt es, Vernunft walten zu lassen und Tugenden zu erwerben, statt sich den Tücken von Gefühlen und Launen hinzugeben. Mit dem mittelalterlichen Christentum veränderte sich die Perspektive: Nun galt der Mensch als prinzipiell sündig, nicht er selbst, sondern nur Gott konnte ihn erlösen. In Sachen Selbstverbesserung galt es also, ganz auf den Jenseitigen zu vertrauen, aber gleichzeitig möglichst gemäß der religiösen Regeln zu leben.

Ihre Antworten

7: beschreibt der Autor einen Wandel?
8: bietet der Autor eine Definition an?
9: fordert die Autorin ein Umdenken?
10: karikiert die Autor ein Idealbild?
11: spricht der Autor argumentative Widersprüche an?
12: warnt der Autor vor negativen Konsequenzen?
← Zurück