„Heißen Leute aus Hamburg wirklich Hamburger?" Jeder Hanseat, der die Vereinigten Staaten bereist, muss sich diese Frage früher oder später stellen lassen. Anders als bei den angelsächsischen Leihwörtern Frankfurter (Würstchen), Dresdener (Porzellan) oder Holsteiner (gefleckte Kuh) ist beim Hamburger jedoch weitgehend unklar, warum er heißt, wie er heißt – und wer ihn erfunden hat.
0 Das Städtchen Seymour in Wisconsin etwa verweist stolz darauf, der Imbiss-Betreiber Charlie Nagreen habe anlässlich einer örtlichen Messe 1885 die weltweit ersten flachgedrückten Fleischbällchen serviert. Eine ähnliche Geschichte tischt die Gemeinde Hamburg (Bundesstaat New York) der Öffentlichkeit auf: 1 Dokumente, die das beweisen, haben Hamburg und Seymour bislang allerdings ebenso wenig vorlegen können wie zahlreiche weitere Städte, die sich ebenfalls rühmen, den ersten Burger gebraten zu haben.
2 Dafür spricht vor allem, dass es bereits 50 Jahre zuvor ein Gericht namens Hamburg Steak gab, das der Vorläufer des Hamburgers gewesen sein dürfte. In New Yorks einstmals feinstem Restaurant Delmonico's soll bereits 1834 ein solches auf der Karte gestanden haben – wofür es viele Sekundärquellen, aber leider keinen direkten Beleg gibt. Als gesichert gilt hingegen, dass das Hamburg Steak Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA ein gängiges Gericht war. 3 „Man gebe es zweimal durch die Schneidemaschine und salze es leicht. Mitunter füge man etwas gezuckerten Speck hinzu, um den Geschmack zu verbessern. Das beste Hamburg kommt aus magerem Fleisch der Hüfte", heißt es etwa in der Cyclopedia of American Agriculture aus dem Jahr 1908. In einer Rezeptsammlung von 1911 ist das Hamburg Steak hingegen eine zu Kugeln geformte Hackmasse, die in Semmelbröseln gewendet wird. 4
Das Oxford English Dictionary von 1802 definierte Hamburg Steak seinerzeit schlicht als gepökeltes Rindfleisch. Es ist durchaus plausibel anzunehmen, dass die Hunderttausende von Auswanderern, die über die Hansestadt in die USA verschifft wurden, das mit Salz haltbar gemachte Fleisch als Proviant mit sich führten. Die Verpflegung an Bord war miserabel, zumindest für die weniger betuchten Zwischendeck-Passagiere.
5 Was lag da näher, als es in Streifen oder Stücke zu schneiden und diese – mangels Teller und Besteck – zwischen zwei Scheiben Brot zu klemmen? Wurde der Hamburger so vielleicht aus der Not geboren, als Reiseproviant armer Leute?
6 Die Immigranten-Notverpflegung wäre dann zwischenzeitlich bei Delmonico's zum Gourmet-Schmankerl der US-Oberschicht aufgestiegen, um hundert Jahre später bei McDonald's und Burger King wieder das zu werden, was sie vielleicht einst war: unkomplizierter Proviant für zwischendurch.