Jeder Smartphonebesitzer weiss, dass ein Semikolon und eine Klammer Freundschaften retten koennen. Braucht es doch nur diese zwei Symbole, und eine Beleidigung wird zum Witz :). Selbst mit blossen Satzzeichen lassen sich mitunter noch ganze Konversationen gestalten. Ein bekannter Autor soll einst lediglich ein Fragezeichen verschickt haben und wollte damit eine Debatte eroefnen. Wenig spaeter erhielt er die ebenso knappe wie praezise Antwort: !. Legende oder nicht, wenn man sich die den Satzzeichen innewohnende Gestaltungskraft anschaut und sich vergegenwaertigt, dass taeglich Tausende Therapeuten nur damit beschaeftigt sind, zwischen Partnern zu dolmetschen, ist es doch raetselhaft, dass der Mensch nach Erfindung der Schrift noch Jahrhunderte brauchte, um diese Strukturelemente zu entwickeln. Als Ur-Satzzeichen gelten die Markierungen in einem Text auf der sogenannten Mescha-Stele aus dem 9. Jahrhundert vor Christus. 1
Dass es damals schon Satzzeichen gab, heisst aber nicht, dass sie auch allgemein Verwendung fanden. Werke der griechischen und lateinischen Dichter und Redner sind aufgezeichnet in der sogenannten scriptio continua, das heisst in einer Schreibweise ohne Worttrennung. 2 Experten erklaeren das so: In jener ersten Phase war Schrift primaer eine Erinnerungsstuetze fuer den professionellen Vortrag. Die Notwendigkeit, sie fuer andere moeglichst einfach lesbar zu machen, bestand nicht.
3 Spaetestens die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg laeutete dann die zweite grosse Phase ein. Text war nicht mehr primaer gedacht zum Vortrag, sondern fuer einen stummen Leser. Damit entwickelte sich ein neues Verhaeltnis zur Sprache. Schrift wurde vom Interpretationsgegenstand zum moeglichst praezisen Informationsspeicher. Es vollzog sich ein Wandel von der Muendlichkeit zur Schriftlichkeit der Sprache.
Es regte sich aber auch Kritik daran, dass die Schriftsprache an Genauigkeit gewonnen hatte: Um 1750 befand Jean-Jacques Rousseau in seiner Abhandlung ueber den Ursprung der Sprachen, dass es einer niedergeschriebenen und festen Regeln unterworfenen Sprache an Lebendigkeit mangele. 4 So verwendete etwa Goethe Punkt und Komma noch nach Gutduenken. 1876 gab Konrad Duden zwar seinen Versuch einer deutschen Interpunktionslehre heraus, fuehrte dabei jedoch keine weiteren neuen Satzzeichen ein.
Dabei scheint schon lange vorher Bedarf an groesseren Ausdrucksmoeglichkeiten bestanden zu haben. 5 In der Philosophie, glaubte er, koennten solche durchaus nuetzlich sein.
6 Die extreme Verknappung der schriftlichen Kommunikation mittels Kurznachrichten verlangt anscheinend wieder nach einer Simulation von Muendlichkeit. Der Erfolg der Emojis, die zunaechst noch aus Satzzeichen wie :( bestanden, entspringe dem Wunsch, Affekte in geschriebene Sprache zu ueberfuehren. Was wir derzeit erleben, ist quasi die Rueckkehr des Muendlichen ins Schriftliche - Phase drei.