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C1 HOCHSCHULE — LESEVERSTEHEN TEIL 1

Satzzeichen, maechtige Werkzeuge

Lesen Sie den folgenden Text. Welche der Sätze a–h gehören in die Lücken 1–6? Es gibt jeweils nur eine richtige Lösung. Zwei Sätze können nicht zugeordnet werden.

Jeder Smartphonebesitzer weiss, dass ein Semikolon und eine Klammer Freundschaften retten koennen. Braucht es doch nur diese zwei Symbole, und eine Beleidigung wird zum Witz :). Selbst mit blossen Satzzeichen lassen sich mitunter noch ganze Konversationen gestalten. Ein bekannter Autor soll einst lediglich ein Fragezeichen verschickt haben und wollte damit eine Debatte eroefnen. Wenig spaeter erhielt er die ebenso knappe wie praezise Antwort: !. Legende oder nicht, wenn man sich die den Satzzeichen innewohnende Gestaltungskraft anschaut und sich vergegenwaertigt, dass taeglich Tausende Therapeuten nur damit beschaeftigt sind, zwischen Partnern zu dolmetschen, ist es doch raetselhaft, dass der Mensch nach Erfindung der Schrift noch Jahrhunderte brauchte, um diese Strukturelemente zu entwickeln. Als Ur-Satzzeichen gelten die Markierungen in einem Text auf der sogenannten Mescha-Stele aus dem 9. Jahrhundert vor Christus. 1

Dass es damals schon Satzzeichen gab, heisst aber nicht, dass sie auch allgemein Verwendung fanden. Werke der griechischen und lateinischen Dichter und Redner sind aufgezeichnet in der sogenannten scriptio continua, das heisst in einer Schreibweise ohne Worttrennung. 2 Experten erklaeren das so: In jener ersten Phase war Schrift primaer eine Erinnerungsstuetze fuer den professionellen Vortrag. Die Notwendigkeit, sie fuer andere moeglichst einfach lesbar zu machen, bestand nicht.

3 Spaetestens die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg laeutete dann die zweite grosse Phase ein. Text war nicht mehr primaer gedacht zum Vortrag, sondern fuer einen stummen Leser. Damit entwickelte sich ein neues Verhaeltnis zur Sprache. Schrift wurde vom Interpretationsgegenstand zum moeglichst praezisen Informationsspeicher. Es vollzog sich ein Wandel von der Muendlichkeit zur Schriftlichkeit der Sprache.

Es regte sich aber auch Kritik daran, dass die Schriftsprache an Genauigkeit gewonnen hatte: Um 1750 befand Jean-Jacques Rousseau in seiner Abhandlung ueber den Ursprung der Sprachen, dass es einer niedergeschriebenen und festen Regeln unterworfenen Sprache an Lebendigkeit mangele. 4 So verwendete etwa Goethe Punkt und Komma noch nach Gutduenken. 1876 gab Konrad Duden zwar seinen Versuch einer deutschen Interpunktionslehre heraus, fuehrte dabei jedoch keine weiteren neuen Satzzeichen ein.

Dabei scheint schon lange vorher Bedarf an groesseren Ausdrucksmoeglichkeiten bestanden zu haben. 5 In der Philosophie, glaubte er, koennten solche durchaus nuetzlich sein.

6 Die extreme Verknappung der schriftlichen Kommunikation mittels Kurznachrichten verlangt anscheinend wieder nach einer Simulation von Muendlichkeit. Der Erfolg der Emojis, die zunaechst noch aus Satzzeichen wie :( bestanden, entspringe dem Wunsch, Affekte in geschriebene Sprache zu ueberfuehren. Was wir derzeit erleben, ist quasi die Rueckkehr des Muendlichen ins Schriftliche - Phase drei.

Sätze a – h

0 Beispiel (nicht zuzuordnen)
a Erst viel spaeter - mit den neuen Medien - ging dieser langgehegte Wunsch in Erfuellung.
b Bereits 1762 bemaengelte der Gelehrte Johann Christoph Gottsched, dass es im Deutschen keine Zeichen fuer Staunen oder Mitleid gebe.
c Dabei kann damals von festen Regeln gar keine Rede sein.
d Erst im Mittelalter kommen irische Moenche auf die Idee, diese Textschlangen mit Zeichen zu versehen, um anderen Lesern das Leben einfacher zu machen.
e In ihr reiht sich Buchstabe an Buchstabe, Wort an Wort.
f Rund 2500 Jahre nach den ersten Schriftzeichen trennen darin Striche Sinneinheiten und Punkte die Worte.
g Interpunktion war in allen Sprachraeumen von Beginn an vollstaendig vereinheitlicht.
h Mit der Digitalisierung verlor die Zeichensetzung im Alltag nahezu jede Bedeutung.

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