Exotische Zimmerpflanzen sind für uns inzwischen alltäglich, doch noch vor 200 Jahren gab es in unseren Breiten kaum eine Möglichkeit, Wohnungen mit lebendigem Grün aus fernen Ländern zu schmücken. Denn Pflanzen konnten zu dieser Zeit noch nicht über lange Strecken transportiert werden. Erst mit der Erfindung des englischen Arztes und Hobbybotanikers Nathaniel Ward sollte sich dies ändern. Er konzipierte eine Art Mini-Gewächshaus, das es ermöglichte, Pflanzen über weite Distanzen zu befördern. Dieser speziell angefertigte Glasbehälter wurde unter dem Namen „Wardscher Kasten“ bekannt. 1833 wurden zwei dieser Behälter mit Farnen und Gräsern auf eine mehrmonatige Seereise von England nach Australien geschickt. 1 Der durchschlagende Erfolg machte Ward seine Erfindung bekannt, und mit dem „Wardschen Kasten“ war es nun auch nicht mehr nur Seemännern, sondern auch Pflanzen aus weit entfernten Gegenden möglich, lebend anzukommen.
Mit Wards Erfindung begann eine neue Ära für Hobbybotaniker und Zimmerpflanzen: Das exotische Grün leuchtete bald in gut beleuchteten Adeligen Wohnräumen. 2 Nachdem der erste Zimmerpflanzenboom dem Schicksal jeder Mode gefolgt war, entwickelten sie sich später erneut zu einem Statussymbol. Das erstarkende Bürgertum des 19. Jahrhunderts zeigte sich mit Pflanzenkenntnissen und einem gepflegten Wintergarten gerne von seiner besten Seite. 3 Üppige Pflanzen wie Palmfarne und Farnen waren letzte Schrei, für viele ein Zeichen von Geschmack und Stil. Wer sich nicht um seine Pflanzen kümmerte, hatte schlechte Chancen auf eine Liebhaber oder eine gute Verbindung. Auch ein Zeichen von Anstand war es, seine Pflanzen mit der gleichen Hingabe zu pflegen wie Kinder und Angehörige.
Von den 1920er-Jahren an änderten sich jedoch die Vorlieben: 4 Erst mit der Flower-Power-Bewegung, also in den 1960er-Jahren, kehrten Pflanzen zurück in die Wohnräume und eroberten nun auch die Zimmerpflanzen-Liebhaber aus weniger privilegierten sozialen Schichten. Ihre große Zeit kam in den 1980er-Jahren, als große grüne Blätter, gerne mit braunen Tontöpfen kombiniert, das neue Zuhause schmückten. Ein weiteres Comeback erlebten Zimmerpflanzen in den letzten Jahren – vor allem bei der sogenannten „Generation Y“, den heute etwa 25- bis 40-Jährigen. Viele leben in Städten, haben keinen eigenen Garten und schätzen den Zusammenhang von Zimmerpflanzen und Luftqualität in geschlossenen Räumen immer mehr.
Heute wird jedoch auch das Image der floralen Dekoration: Lange war diese ein exklusives Hobby für Spezialisten, die sich mit komplizierten Düngemitteln und Anleitungen beschäftigten. 5 Der Grund dafür liegt darin, dass sie viel leichter zugänglich geworden sind: 6 Supermärkte verkaufen Orchideen, das Statussymbol der Gründerzeit schlechthin, heute für zehn bis 15 Euro pro Stück. Mittlerweile hat sich jedoch ein Gegentrend entwickelt: Besonders begehrt sind exklusivere und teurere Pflanzen. Es zeigt sich also deutlich, dass auch Zimmerpflanzen der Mode unterliegen.