In verschiedenen Kulturen existiert der Mythos, dass eine Gottheit den ersten Menschen aus Lehm geformt habe. Bei den Sumerern erzählte man zum Beispiel, Enki habe aus den Errungenschaften der Technikgeschichte die Töpferei genutzt.
0 Schon vor fast 30.000 Jahren schuf ein Urkünstler die üppige „Venus von Dolní Věstonice". Zur Herstellung des Fruchtbarkeitsidols vermischte er Lehm und Knochenmehl. Die ersten Becher und Bottiche im 7. Jahrtausend – Urfarmer lebten – fanden die Archäologen wulstige Gefäße. Sie gehören zur frühesten Keramik überhaupt. Was für eine Neuerung! 1 Nun kamen plötzlich die Mesopotamier, formten den feinen kalkreichen und eisenhaltigen Mergel ihrer Heimat zu Schüsseln und aßen daraus Suppe und Getreidebrei. Erstaunlicher noch: Schon die Leute aus Jarmo erhitzten die Öfen auf 850 bis 1050 Grad. 2
Widerstandsfähig sollte die Tonware sein, aber auch schön. Die Handwerker der Hassuna-Kultur in Nordmesopotamien stellten elegante dünnwandige Behälter aus rotem Lehm her. Andere Töpfer verzierten ihre Pötte mit Fischgrätenmustern. Erste Tier- und Menschendarstellungen als Dekor kamen um 5000 auf. Etwa zur selben Zeit ersann ein genialer Keramikpionier die „Tournette". 3
Der Durchbruch zur Massenware folgte dann um 3500. Erstmals wurde ein Rad auf eine senkrechte Achse gesteckt und in Schwung versetzt: Fertig war die schnell rotierende Töpferscheibe. 4 Einer gab Anschwung und drehte die Scheibe, der andere gestaltete den frischen glitschigen Ton.
Die Erfindung der wirbelnden Werkbank kam gerade recht. Der Wunsch nach Gebrauchskeramik in den prosperierenden Stadtstaaten Sumers war riesig. 5 Sogar Erntesicheln und Siebe wurden aus Lehm gebrannt – und auch die glasierten Ziegel fürs Baugewerbe. 6 Im Schutt der Stadt Uruk fanden die Archäologen unzählige zerbrochene, grobe Schüsseln, die schnell und flüchtig hergestellt wurden, die „Glockentöpfe". An ihren Innenseiten prangen oft noch die Fingerabdrücke der Handwerker. Auffallend ist die stets gleiche Größe der Behälter: Sie fassen etwa 0,8 Liter. Die Forscher vermuten, dass die sumerischen Arbeiter in den kleinen Näpfen ihre tägliche Getreideration erhielten – und sie nach kurzem Gebrauch fortwarfen.